Kein Verzicht auf Schulnoten

Noch selten habe ich bei einem Vorstoss so engagierte spontane Emails erhalten wie bei diesem: Kaum habe ich diese parlamentarische Initiative miteingereicht, wurde ich eingedeckt mit Argumenten pro und contra Noten. Von Noten als untauglichem Belohnungs- und Bestrafungssystem, das nichts mit Lernen zu tun haben, warnten die einen – von einem unabdingbaren und motivierenden Leistungsbeurteilungssystem schwärmten die anderen. Und bei der einen oder anderen Zuschrift drückten unübersehbar auch die persönlichen Noten-Schulerlebnisse (ob gut oder schlecht) durch. Aber daran ist man sich als Bildungspolitiker gewöhnt, in Sachen Bildung fühlen wir uns ja alle kompetent, weil wir mal alle in der Schule waren…

Damit ich Ihnen mein persönliches Erleben mit der Notengebung auch noch gleich weitergegeben habe: Ich war in der gesamten Primarschule mit einem sehr entspannten Verhältnis zu Noten unterwegs – in den Prüfungen gab es nur Ergebnisse wie «25 von 27 richtig» und bei den halbjährlichen Zeugnisse habe ich dann jeweils zur Kenntnis genommen, dass es in einem Fach eine halbe Note hinauf ging und in einem anderen eine halbe Note herunter. Das war alles sehr entspannt – dafür kam dann nach der 6. Klasse beim Übertritt ins Gymi mit Probezeit das jähe Erwachen: Da wurde plötzlich jede Prüfung, jede mündliche Bewertung bewertet – das war eine ziemlich brutale Umstellung…

Worauf will ich hinaus: Irgendwann kommt das jähe Erwachen immer, dass meine Leistungen durch ein mehr oder weniger taugliches System beurteilt werden. Entweder im Laufe der Primarschule, beim Übertritt in eine höhere Schulstufe oder dann spätestens an der Universität und im Beruf. Wir tun gut daran, unseren Schülerinnen und Schülern nicht vorzumachen, es sei alles Friede-Freude-Eierkuchen, die Welt sei eine Wohlfühloase und auf die Leistung komme es nicht an. Irgendwann werden sie sonst sehr hart auf dem Boden der Realität unserer Leistungsgesellschaft landen.
Zudem: Die meisten Kinder lieben den Wettbewerb – immer vorausgesetzt, er wird von der Lehrperson fair und menschlich gestaltet. Wir alle brauchen ein Feedback von Dritten, wie unsere Leistung beurteilt wird, Anerkennung tut gut und beflügelt.

Natürlich weiss ich auch um die Schwächen des Beurteilungssystems durch Noten: Noten sind oft schlecht vergleichbar (die Vergleichbarkeit von Bewertungen ist in den pädagogischen Gesprächen in unseren Schulhäusern ein Dauerbrenner), die Aussagekraft von Noten im Blick auf den späteren Berufserfolg ist relativ, manchmal ist die Notengebung schlicht nicht fair – und dann ist da noch die Sache mit der Untauglichkeit von Noten-Durchschnittsberechnungen.

Aber unser Notensystem hat den Vorteil, dass es ein verständliches System für das gesamte Schulwesen ist, das nachvollziehbar ist, dass es klar ist und sich auch der Aufwand für die Lehrperson in Grenzen hält.
Stellen Sie sich vor, unsere Lehrpersonen müssten für jede Schülerin, jeden Schüler zweimal im Jahr ein Zeugnis mit Worten erstellen in der Art, wie wir in der Berufswelt Abschlusszeugnisse verfassen.
Was für ein Aufwand und was für ein Feilschen um Worte, das da entstehen würde!

Die EVP verschliesst sich der Diskussion über eine Verbesserung der Beurteilungssysteme in der Volksschule nicht, wenn diese denn klare Aussagen für die Schülerinnen und Schüler, für ihre Eltern und für ihre späteren Arbeitgebenden hervorbringen und für die Lehrpersonen nicht zu übermässigem Zusatzaufwand führen.
Aber wir wollen nicht, dass die Notengebung im Expressverfahren, quasi hinter unserem Rücken abgeschafft wird, sondern dass eine seriöse und gründliche Diskussion aller Beteiligten des Schulfeldes geführt wird über die künftige Weiterentwicklung der Beurteilungssysteme. Die EVP unterstützt daher diese PI vorläufig und freut sich auf eine entsprechende Auslegeordnung in der Kommission.

Votum in der Kantonsratsdebatte vom 11.1.2021 zur parlamentarischen Initiative 169/2020.
Unter Medienberichte können Sie nachlesen, was die Presse über meine Voten und Vorstösse berichtet.
Weitere Infos zu meinen Vorstössen im Kantonsrat finden Sie unter: Kantonsrat Zürich | Mitglieder | Hanspeter Hugentobler (zh.ch)
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