„Ich höre immer deutlichere Hilferufe“

Das folgende Interview erschien im Juni 2018 im Magazin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrer-Verbands. Das Gespräch mit mir führte Brigitte Fleuti, Präsidentin des Verbandes Kindergarten Zürich.

Mit drei Vorstössen lancierte Schulpräsident und EVP-Politiker Hanspeter Hugentobler im Kantonsrat die Diskussion über die Situation auf der Kindergartenstufe. Im Interview zeigt er sich besorgt darüber, dass Kindergartenlehrpersonen vor allem in den ersten Monaten immer mehr bis an den Anschlag gefordert sind.

Brigitte Fleuti: Herr Hugentobler, Sie sind Schulpräsident und Gemeinderat in Pfäffikon und amtieren seit 2015 im Zürcher Kantonsrat. Wie sind Sie zur Politik gekommen?

Hanspeter Hugentobler: Da mein Vater auf einer Gemeindeverwaltung arbeitete, war ich schon früh zu Besuch in Gemeindehäusern – und die Aufgabe «im Dienste aller» hat mich fasziniert. Richtig gepackt hat mich die Politik in meiner Kanti-Zeit. Wir hatten da eine «staatsbürgerliche Arbeitswoche», auch ein Besuch im Bundeshaus beim damaligen Bundesrat Kurt Furgler gehörte dazu. Eigentlich war nur ein Besuch von 20
Minuten vorgesehen, doch wir hatten viele Fragen an ihn und er liess seine Mittagspause sausen und nahm sich eineinhalb Stunden Zeit für uns. Ab diesem Zeitpunkt hat mich die Politik noch mehr fasziniert. Ich habe dann die Parteiprogramme aller Parteien bestellt und studiert – und bei der EVP fand ich mich am ehesten wieder, da bin ich dann beigetreten. Nach dem Studium und einem Jobwechsel kam an unserem Ort dann die Anfrage, ob ich in die Schulbehörde einsteigen wolle–und von da an folgte eines dem anderen…

Sie haben zusammen mit anderen Vertretern im Kantonsrat drei Vorstösse zur Kindergartenstufe lanciert. Wir haben uns sehr darüber gefreut! Weshalb diese und weshalb gleich drei?

Von Schulpräsidien-Kolleginnen und -Kollegen aus anderen Gemeinden und auch aus meiner Wohngemeinde, wo ich Schulpräsident bin, erreichen mich seit einiger Zeit immer deutlichere Hilferufe aus den Kindergärten. Die Kindergartenstufe ist stark unter Druck. Die eintretenden Kinder werden durch die Verschiebung des Einschulungsstichtags immer jünger und wir haben auch immer mehr Kinder mit sonderpädagogischen Bedürfnissen zu integrieren, die in manchen Fällen erstmals erkannt und abgeklärt werden müssen. Einigen Kindern fehlen einfachste natürliche Erfahrungen, sie waren noch nie im Wald und haben noch nie gebastelt, und sie sind auch nicht an tägliche Strukturen gewöhnt. Kindergartenklassen sind zunehmend heterogener durch die unterschiedlichsten Entwicklungsstadien ihrer Kinder, und manche Klassen mit 21 oder mehr Kindern sind in den ersten Wochen und Monaten durch eine Lehrperson fast nicht mehr geordnet führbar. Das wollen wir ändern: Wir fordern personelle Unterstützung im ersten Kindergartensemester und kleinere Klassen zur Entlastung der kritischen Situationen. Und mit fairen Anstellungsbedingungen wollen wir den immer intensiveren Nonstop-Einsatz der Kindergartenlehrpersonen honorieren.

Gibt es persönliche Erfahrungen, die zu den Vorstössen geführt haben?

Ja, ich stelle vor Ort und in anderen Schulgemeinden fest, dass die Kindergartenlehrpersonen vorallem in den ersten Monaten immer mehr bis an den Anschlag gefordert sind, um ein einigermassen geordnetes Miteinander sicherzustellen. In vielen Kindergärten ist die Situation inzwischen so angespannt, dass wir etwas unternehmen müssen – zum Wohl unserer Kinder. Wir wollen gut geführte Kindergärten, und wir sind darauf angewiesen, dass wir auch weiterhin engagierte und begabte Kindergartenlehrpersonen finden.

Das Postulat zur Senkung der Klassengrösse und die Motion für ein Vollpensum 100% wurden beide vom Regierungsrat abgelehnt. Was bedeutet das nun für diese Anliegen, wie geht es weiter?

Ich bin überzeugt, dass sich auch der Regierungsrat eigentlich bewusst ist, dass im Kindergarten dringend Verbesserungen dran wären. Aber in der gegenwärtigen bürgerlichen «Spar-Mehrheit» in Regierung und Parlament werden Massnahmen, die zu Mehrkosten führen, kategorisch abgelehnt. Bezeichnenderweise argumentiert die Regierung bei beiden Vorstössen mit den Mehrkosten für Kanton und Gemeinden von rund 11 Millionen Franken für die Senkung der Klassengrössen und 25 Millionen für die faire Anstellung der Kindergartenlehrpersonen. Davon müsste der Kanton 7,2 Millionen Franken übernehmen. Doch was sind schon 7,2 Millionen bei einem Kantonsbudget von über 15 Milliarden Franken, wenn wir dadurch bessere Bedingungen für die grundlegende Schulstufe schaffen können? Ich hoffe sehr, dass dies noch viele meiner Kantonsratskolleginnen und -kollegen realisieren und sich schlussendlich im Parlament doch eine Mehrheit findet, die meine Vorstösse dem Regierungsrat definitiv in Auftrag gibt. Da zähle ich auch auf die Lehrpersonen: Treten Sie mit Ihren gewählten Kantonsratsmitgliedern in Kontakt und bringen Sie ihnen die aktuelle Situation näher!

Der dritte Vorstoss, die parlamentarische Initiative, richtet sich direkt an den Kantonsrat. Sie verlangt flächendeckend Klassenassistenzen im ersten Semester. Wie stehen die Chancen?

Das ist im Moment noch schwierig abzuschätzen. Erste Stellungnahmen von bürgerlichen Parteien bis weit in die Mitte hinein sind ablehnend – wie immer im aktuellen Parlament, wenn ein Vorstoss Geld kostet. Aber ich zähle darauf, dass sich noch manche meiner Ratskolleginnen und -kollegen mit der Situation des Kindergartens beschäftigen und sich am Ende dennoch für unsere Vorstösse einsetzen.

Inwiefern hat die Politik Bedeutung für den Beruf als Lehrerin oder Lehrer?

In Sachen Bildung haben in der Schweiz vor allem die Kantone das Sagen – sie legen die Rahmenbedingungen fest, sie sagen, wie gross die Klassen werden und welche Mittel dafür eingesetzt werden dürfen. Die Schulen vor Ort haben in
wichtigen Fragen kaum Spielraum. Deshalb ist es entscheidend, dass Kantonsrätinnen und Kantonsräte gewählt werden, die sich ihrer Verantwortung im Blick auf die Bildung bewusst sind. Politikerinnen und Politiker müssen endlich realisieren, dass wir in der Volksschule nicht immer mehr Kinder mit immer herausfordernderen Bedürfnissen schulen können, ohne dass unsere Ressourcen verstärkt werden!

Welche Möglichkeiten sehen Sie für Lehrpersonen und ihr Umfeld sich bildungspolitisch einzubringen?

Lehrerinnen und Lehrer sollten verstärkt mit Kantonsratsmitgliedern in Kontakt treten und ihnen Einblicke in ihre tägliche Schulsituation vermitteln. Und wenn alles nichts nützt: Am 24. März 2019 finden die nächsten Kantonswahlen statt. Dann haben wir alle die Wahl, für die nächsten vier Jahre Politikerinnen und Politiker in Regierung und Kantonsrat zu wählen, die bereit sind, für die nächste Generation auch etwas mehr Geld in die Bildung zu investieren.

Was können Kindergartenlehrpersonen Ihrer Meinung nach zur Aufwertung ihres Berufs beitragen?

Kindergartenlehrpersonen leisten super Arbeit, Tag für Tag, vom Eintreffen des ersten Kindes bis zur Verabschiedung des letzten Kindes, ohne Pause, mit viel Engagement und Herzblut – davon kann ich mich auch in unseren Kindergärten vor Ort immer wieder überzeugen. Von den Kindergartenlehrpersonen kann und will ich nicht mehr fordern. Als Schulgemeinden sind wir in der Pflicht, unseren kommunalen Spielraum in der Ausgestaltung zu nutzen, wo wir denn einen haben. Aber primär ist zur Aufwertung des Berufs der Kanton gefordert, der zuallererst den Anstellungsgrad der Kindergartenlehrpersonen auf 100% erhöhen soll.

Haben Sie ein persönliches Credo? Was ist ihre Vision für den Kindergarten der Zukunft?

In Sachen Bildungspolitik begleitet mich seit vielen Jahren das bekannte Zitat des früheren US-Präsidenten J. F. Kennedy: «Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: Keine Bildung.» Wir haben in der Schweiz ein geniales Bildungssystem, und ich bin ein begeisterter Verfechter der Volksschule, in der wir die nächste Generation ausbilden. Denn das sollten wir nie vergessen: Wir bilden in der Schule unsere Kinder aus, damit sie in einigen Jahren Verantwortung übernehmen und die Herausforderungen der Zukunft bewältigen können. Wir tun gut daran, in diese Zukunft zu investieren – und sie beginnt mit einer starken Kindergartenstufe als Basis für einen erfolgreichen Bildungsverlauf unserer Kinder.

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